Die ehemalige Handarbeits- und Basisstufenlehrerin der Rütti-schule, Margrith Brand-Raaflaub, führte mit ihrem verstorbenen Ehemann einen Bauernbetrieb in der Bissen, der inzwischen von der Tochter und deren Familie weitergeführt wird. Die gebürtige 

Turbacherin war von 1999 bis 2009 Betriebsleiterin des Museums der Landschaft Saanen. Insbesondere dank ihrer Grossmutter, mit der sie viel Zeit verbrachte, hat sie interessantes Wissen über das Brauchtum und die Traditionen unserer Region erworben. Dass diese noch in den 1960er-Jahren ihre Wäsche wie vor 100 Jahren wusch, hat Margrith Brand als Kind beeindruckt. Am sogenannten Schwizgebelbrunnen in Saanen führte sie vor, wie so ein Waschtag damals ablief.

Waschtag vor mehr als 100 Jahren

Die Waschtage waren früher ausserordentliche Tage im Alltagsleben der einfachen Bevölkerung. Sie verliefen sehr unterschiedlich, je nachdem, ob am Dorfbrunnen, beim eigenen Brunnen oder in einem Waschhüsi im Dorf gewaschen wurde. Sie waren für die Frauen jeweils eine Gelegenheit, soziale Kontakte zu pflegen und zu tratschen, denn nachbarschaftliche Hilfe war oft gefragt. In vielen Haushalten lebten mehrere Generationen zusammen. Ledige
Geschwister waren willkommene Stützen in den kinderreichen Familien. Da die grosse Wäsche wie Bett- und Leibwäsche nur im Frühling und Herbst gewaschen wurde, gab es grosse Mengen zu waschen, was sehr harte Arbeit bedeutete. Zu einer Aussteuer jeder Frau – der Mitgift – gehörte aus diesem Grund auch eine grössere Menge Leintücher.

1.

Wenn sonniges Wetter zu erwarten war, wurde am Vortag «ds gschwale gleit». Das heisst, man stellte den hölzernen Waschbottich zum Aufquellen ins Brunnenwasser, um die Fugen wasserdicht zu machen. Bei grossen Haushalten wurden natürlich grössere Zuber oder «Bochte» bereitgestellt.

2.

Die Wäsche wurde schichtweise in den Bottich hineingelegt: zuunterst Männerhemden, Frauenschürzen, dann Küchenwäsche, Anzüge und zuoberst Leintücher und Leibwäsche. Mit dem «Gohn», einer hölzernen Schöpfkelle, gab man das Wasser dazu.

3.

Darüber wurde ein dünnes Hanftuch ausgebreitet und gesiebte Pottasche sowie Wasser darauf gegeben. Man nannte diesen Vorgang «buche» — was eigentlich Einweichen der Wäsche bedeutet —, weil sich die Asche der Buche am besten dafür eignet. Da sie das Wasser weicher macht, ist Aschenlauge fett- und schmutzlösend.

4.

«Z mondrischt», am nächsten Morgen also, entfernte man das Hanftuch mit der Asche und liess das Laugenwasser abfliessen, indem der Stöpsel herausgezogen wurde. Daraufhin wurde die Wäsche mehrmals mit kochendem Wasser übergossen, bis der Zuber wieder voll war.

5.

Nun begann die wahre Knochenarbeit: Auf dem Waschbrett wurde die Wäsche geschrubbt und gerieben, bis sie sauber war. Gröbere Wäsche bearbeitete man mit der hölzernen «Brätsche», besonders hartnäckige Flecken mit Kernseife, die jedoch rar und teuer war.

6.

Schliesslich spülte man die saubere Wäsche im Wasser des Brunnenbeckens, das zum Schutz mit einem Leintuch ausgelegt wurde. Jetzt musste sie noch ausgewrungen und zum Trocknen an einer langen Wäscheleine aufgehängt werden.

Über eine hölzerne Wasserleitung, den «Dühel» oder «Teuchel, wurde frisches, sauberes Wasser an der Quelle gefasst und dem Brunnen zugeführt. Dieses Teilstück mitsamt den dazugehörenden Bohrern gehört zum  Bestand des Museums der Landschaft Saanen.

Brunnen und Wasserversorgung in Saanen

Seit dem Mittelalter bestand im Dorf Saanen eine gemeinschaftliche Wasserversorgung. 1470 wurde die Dorfbevölkerung verpflichtet, bei Überschwemmungen durch die Saane die Dorfbrunnen zu schützen. 1693 wurde die Genossenschaft des Brunnens «unternfür dem Dorf» gegründet. Der Dorfbrand von Gstaad 1898 hatte zur Folge, dass die Gemeinde für Saanen eine Hydrantenanlage und eine öffentliche Wasserversorgung baute, die 1902 in Betrieb genommen wurde. Das Interesse an den Dorfbrunnen ging allmählich zurück, damit waren auch die Waschtage als soziales Ereignis gezählt. 1958 übernahm die Gemeinde die vier Dorfbrunnen von Saanen: den Landhausbrunnen (heute auf dem Menuhin-Platz), den Schwizgebelbrunnen in der Nähe des Pfarrhauses, den Käsereibrunnen auf dem Dorfplatz sowie den Brunnen bei der Verzweigung Dorfstrasse-Oberdorfstrasse. 

Quelle: Bendicht Hauswirth: Saanen — ein historischer Dorfführer. Müller Medien AG, Gstaad 2015.
100 Jahre Wasserversorgung Saanen 1902—2002. Hrsg. Einwohnergemeinde Saanen. Müller Marketing und Druck AG, Gstaad 2002.

Autoren: Margrith Brand-Raaflaub und Martin Gurtner-Duperrex; Fotos: Martin Gurtner-Duperrex
Historische Waschutensilien und Unterstützung: Museum der Landschaft Saanen, Stephan Jaggi, Regula und Heini Hauswirth
Quelle: Hanni Salvisberg: Bach- u Wöschtag. Cosmos Verlag, 14. Auflage, Muri bei Bern 2004.

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