«Le Bois qui Chante»

Der Wald, der singt, macht nicht auf geräuschvolle Waldtiere aufmerksam, sondern verrät, dass in ihm klingende Tannen wachsen. Geigenbauer suchen auserwählte Hölzer für ihre Geigen, Cellos und Kontrabässe. Für Geigenbauer gilt: «Cest le bois qui fait la musique.» Manche Geigenbauer gehen von Fichte zu Fichte. Sie suchen ihr Klangholz, indem sie an den liegenden Stamm klopfen, um zu hören, wie er tönt. Die Baumstämme klingen in unterschiedlichen Tonhöhen, vergleichbar mit einem Xylofon. Eine zweite Prüfung gilt der Beurteilung der Jahrringe des Baumes. Erst wenn beide Kriterien, Ton und Wachstum des Baumes, stimmen, kaufen Geigenbauer ihr Fichten- und Ahornholz.

Der Wald, der singt, ist der Wald «des Arses» oberhalb von Rougemont. Hier gedeihen einige der schönsten Klangholzbäume der Welt. Viele  Holzinstrumente, manche auch aus Holz aus dem singenden Wald hergestellt, erklingen alljährlich am zehntägigen Musikfestival «Le Bois qui Chante» in Château-d’Oex.

Für das Gegenstück, den Boden der Geige, wählt der Geigenbauer Ahorn. Dieses Holz hat zwar nicht die Tonqualität der Fichte, gewährt dem Korpus der Geige jedoch Stabilität.

Aus einem ausgewählten und gut gelagerten Fichtenholzstück wird die Decke der Geige hergestellt. Fichtenholz ist für den Oberteil der Geige deshalb besonders gut geeignet, weil der Schallausdehnungkoeffizient im Vergleich zu anderen Hölzern am grössten ist.

Fichtenholz ist weich und kann gut von Hand bearbeitet werden. Durch das Handarbeiten lernt der Geigenbauer das Holz kennen. Mit speziellen Werkzeugen höhlt er die Innenseite aus und schnitzt die Wölbung.

Die Schnecke bildet den kunstvollen Abschluss des Wirbelkastens einer Geige. Für den Klang des Instruments ist die Schnecke nicht von Bedeutung. Sie bietet dem Geigenbauer Raum zur individuellen Ausgestaltung und zur Demonstration seiner handwerklichen Fähigkeiten. Die Schnecke ist eine «Visitenkarte», durch die viele Meisterinstrumente identifiziert werden können.

Die Werkstatt des Geigenbauers Otto Karl Schenk in Bern ähnelt noch sehr jener des französischen Handwerkers Didier Diderot (1685–1759). Auf viele der damaligen Werkzeuge kann der Geigenbauer nicht verzichten. Im Bereich der Restaurationen entwickelten sich die Arbeitsmethoden zu einer eigenen Kunst. Materialanalysen mit Computertechnik und ultravioletten Strahlen sowie weitere Techniken mehr hielten Einzug. An der Gerechtigkeitsgasse 4 in Bern eröffnete Otto Karl Schenk im Frühjahr 1979 sein Geigenbauatelier.

Ins Auge sticht der aus Ahorn geschaffene Rücken mit den hell und dunkel werdenden Flammen, die so schön tanzen im Licht. Der Lack macht die Musik. Der Lack dient dazu, das Holz des Instruments vor Feuchtigkeit und Schmutz zu schützen. Zudem hat er eine wichtige ästhetische Funktion. Die Lackierung
veredelt die Geige optisch. Der Lack verfeinert die akustischen Eigenschaften der Geige. Damit dies gelingt, ist die Qualität des Geigenlacks entscheidend.

Otto Karl Schenk – Geigenbauer

Otto Karl Schenk, geboren am 4. August 1952, verwirklichte seinen Bubentraum, Geigenbauer zu werden. Im zwölften Lebensjahr sang und spielte er im Kinderchor des Konservatoriums Bern. Ihm wurde damals klar, dass sein Leben immer von Musik geprägt sein würde. Als Jugendlicher entschied er sich für die Sportart Eiskunstlauf. Das Pflichtlaufen mochte er besonders gerne, weil die Figuren meistens die Form einer 8 hatten, die man auch im Geigenbau wiederfindet.

1690

Otto Karl Schenk besitzt eine Geige mit Baujahr 1690. Es ist keine Stradivari, sondern das Werk von Francesco Ruggeri, einem Studienkollegen von Stradivari. Das zum Teil nur einen Millimeter dicke Holz überlebte all die Jahre ohne irgendwelche Schäden oder Alterserscheinungen. Die Geige ist wie neu!
Wunderbar ist die aus
klarem, sauberem
Fichtenholz
gefertigte Decke
der Geige.

Steg

Der Steg wird zwischen Decke und Saiten eingesetzt. Er steht ohne Befestigung auf der Decke und wird durch die Spannung der darüber laufenden Saiten in der korrekten Position gehalten. Über den Steg werden die Schwingungen der Saiten auf den Korpus übertragen Die Handschrift des Geigenbauers erkennt man an der Form der beiden F-Löcher und ihrer Platzierung neben dem
C-Bogen.

Beratung: Otto Karl Schenk, Geigenbauer, Bern; Autor: Eugen Dornbierer-Hauswirth
Illustration: Susanne Kaiser, Müller Medien AG, Gstaad Fotos: Eugen Dornbierer-Hauswirth

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